20051220

Ausgeschrieben

aus IQstyle Mai 2005

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei? Die Lebensberichte von Gordon & Martin haben auch zwei Enden – und Würste spielen darin eine nicht unwesentliche Rolle.

Gordon:
Bekanntlich soll man ja aufhören, wenn es am schönsten ist. So der olle Volksmund. Nur: Woher weiß man, wenn es am schönsten ist? Beziehungsweise, wie kann man sich sicher sein, dass es nicht noch schöner geworden wäre, hätte man nicht aufgehört?
So eine kleine Beziehung zum Beispiel: Soll man die einfach Geschichte sein lassen, nur weil es mit der Liebe gerade tierisch abgeht, das Herz wild puckert und der Beischlaf die Nachbarn wach hält? Soll man nicht! Oder Rauchen: Soll man mit dem Rauchen aufhören, wenn's am schönsten ist? Ist doch Quatsch. Charakterlich gefestigte Menschen wie meine Wenigkeit finden Rauchen sowieso immer schön. Wankelmütige Querulanten wie die Liebe meines Lebens, die den Zigaretten vor sechs Monaten Adieu sagte, finden Rauchen gar nicht schön. Wie soll man sich da einigen? Und warum klinge ich inzwischen schon wie Carrie Dingsbums aus "Sex and the City", die eine rhetorische Frage nach der anderen stellt?
Da, schon wieder!
Egal.
Kommen wir zum Wesentlichen: Martin, seines Zeichens immer noch der schickste Schatz der Welt, fällt nix mehr ein. Während die Ideen und klugen Gedanken aus mir wie eh und je nur so heraussprudeln, weiß er nicht mehr, worüber er schreiben soll. Gähnende Leere im schicken Kopf. Das ist traurig, aber nicht zu ändern.
Und deshalb ist ab jetzt Schluss mit diesen kleinen Texten, die die Welt sowieso nicht braucht. Wir sagen Danke fürs Lesen und schaffen Platz für Sinnvolleres. Obwohl es schon ganz lustig war. Eigentlich wurde es sogar immer lustiger. Quasi schöner. Für uns zumindest. Genau genommen ist es jetzt am schönsten. Und vielleicht wäre es nächsten Monat noch schöner, aber das kann niemand so genau wissen. Deshalb gehen wir auf Nummer sicher und hören lieber auf.
Nicht zuletzt dem ollen Volksmund zuliebe. Sagt der nicht auch den schönen Satz "Man sieht sich immer zweimal im Leben"? Na dann!

Martin:
Ob sich nun auch Millionen Menschen weltweit in Kondolenzbücher eintragen werden wie beim Papst? Ob die Seite 98 dieses Heftes öffentlich aufgebahrt wird, und Tausende ziehen wild fotografierend daran vorbei? Und irgendwann quillt die Seite auf, wird ganz grau und faltig und ist gar nicht mehr hübsch anzuschauen, und wird dann in einer Gruft verbuddelt, und in hundert Jahren kann sich keiner mehr erinnern, was das hier eigentlich war?
Bevor auch ich so klinge wie Carrie Dingsbums, muss etwas klargestellt werden: Es gibt einen zwingenden Grund, dass jetzt mal Schluss ist. Gordon, der schickste Schatz unter allen schicken Schätzen, muss nämlich entlastet werden. Er kann einfach nicht mehr.
Mir kommen jedes Mal die Tränen, wenn er sich bei unserem samstäglichen Einkaufsritual an einer ganzen Kiste Mineralwasser abmüht. Da verzerrt sich sein Gesicht vor Schmerz, und für einen ganz, ganz kurzen Moment ist er nicht mehr der schickste Schatz unter allen schicken Schätzen. Neuerdings hat er's nämlich am Rücken. Jedenfalls immer samstags. Da kriegt er ihn, höhöhö, einfach nicht mehr hoch, wenn vorne an seinen Wursthänden eine Wasserkiste dranhängt.
Die anderen Kunden im Supermarkt unserer Herzen gucken schon immer ganz empört, wenn ich die Bierkiste galant auf einem Finger aus dem Laden balanciere, während Gordon keuchend und auch fürchterlich schwitzend mit seiner Last hinterher stolpert. Die Zeugen rufen manchmal schon nach Amnesty International.
Also werden die klobigen Finger vom schicksten Schatz jetzt mal vom Witzechenmachen und Kolumneschreiben befreit, damit er sich wieder mehr um die Mineralwasserkisten kümmern kann. Schließlich liebe ich den schicksten Schatz ja viel zu sehr, als dass ich ihn einfach so von den wichtigsten Aufgaben im Rahmen der Beziehungspflege entbinde. Wasser! Marsch!

20051115

Wir werden Papa

aus IQstyle April (!!!) 2005

Termingerecht zum 1. April werden sich Gordon & Martin vermehren. Dann werden sie nämlich stolze Eltern zweier süßer kleiner rumänischer Babys. Und wegen der anstehenden Adoption waren sie in letzter Zeit natürlich ganz schön aufgeregt.


Gordon:
Jeder weiß es, jeder sagt es: Unser Land braucht Kinder. Aber kaum einer macht welche. Und da sich auch der schickste Schatz der Welt weigert, die Frucht unserer Liebe auszutragen, haben wir beschlossen, den Weg der Adoption zu wählen. Unserem ursprünglichen Plan, geschwind Papa und Papa ukrainischen Nachwuchses zu werden, hat die tagespolitische Entwicklung leider einen Strich durch die Rechnung gemacht. Stattdessen werden es jetzt zwei rumänische Jungs. Das kommt zwar etwas teurer, aber es ist ja für unser Land.
Der Katalog, aus dem wir die beiden bestellt haben, war etwas lieblos gestaltet, sparte dafür aber mit jeglichen Angaben über die leiblichen Eltern. Man will ja auch nicht wissen, welche Cousins und Cousinen sich mit ein wenig Kopulation den einen oder anderen Euro dazu verdienen. Hauptsache, die Kleinen sehen süß aus. Und das tun sie.
Eigentlich wollte ich ja in zwei Jugendliche investieren. Und zwar nicht, wie Martin mir unterstellte, aus zwielichtigen Gründen. Vielmehr dachte ich, je älter die sind, desto eher können sie mithelfen, unser Land nach vorn zu bringen. Aber ich musste mich den romantisch verkitschten Wünschen Martins beugen, der die Vaterfreuden so komplett wie möglich auskosten mag. Soll er haben. Muss unser Land halt noch etwas warten.
Und irgendwie sind sie ja auch ganz süß. Können noch nicht laufen, können noch nicht sprechen und haben somit alles, was ich mir an Martin manchmal wünsche. Leider aber plappert er unentwegt und macht Pläne, was aus den beiden werden soll. Das geht dann von Boygroup über die neuen Siegfried & Roy bis hin zum zweiten Bruderpaar der Formel 1. Als wäre es das, was unser Land braucht – Spitzenverdiener, die ihre Steuern sonst wo abführen. Nein, wir brauchen ehrliche und vor allem echte Arbeiter. Dafür werde ich sorgen. Und deshalb wird als erstes die von Martin aufgetragene rosa Wandfarbe im Kinderzimmer wieder überstrichen. Für unser Land.


Martin:
Als Gordon die Pampers mal probetragen wollte, da fand ich schon, dass es jetzt ein bisschen weit geht. Wir Homos sind ja nach landläufiger Auffassung für jede Schweinerei zu haben, aber in Kleidungsstücken rumzurennen, in die unsere Doppelbrut demnächst mal Pipi und das andere Zeugs reinmachen soll, das würde ja selbst aus den Drehbüchern einer dieser gruseligen Schwuppen-Comedy-Serien im Unterschichtenfernsehen (© Harald Schmidt) wegen Unglaubwürdigkeit rausgestrichen.
Jedenfalls ist meine kleine Braut ganz außer sich vor Freude, weil wir ja Anfang April zwei kleine Rumänen geliefert kriegen. Als vor ein paar Wochen die Fotos ankamen, war Gordon schon nicht mehr zu bändigen und quietschte jedesmal wie ein Teenager, wenn er sie morgens wieder aus dem Versteck gezerrt hatte, in das ich die Dokumente am Abend verstaut hatte. Der normale Betrachter hätte auf den Fotos nichts als zwei normal hässliche, normal zerknautschte und normal lebensunfähige Babys ausmachen können. Das eine davon hat sogar um Mitleid bettelnde Dackelaugen und ein ziemliches Bäuchlein und es leidet unter rapidem Deckhaarschwund, aber ich will lieber nicht zu laut maulen, denn wie es scheint ist Gordon gerade in dieses Exemplar vernarrt wie in niemanden sonst, außer sich selbst vielleicht.
Ich habe ja nichts gegen Kinder. Die Perspektive allerdings, am Abend neben der einen Waldarbeitersäge noch zwei weitere Krachmacher in unserem Schlafzimmer begrüßen zu dürfen, macht mir Sorge. Der zwielichtige Manager dieser Adoptionsfirma (er sah aus wie Ion Tiriac, der draculöse Ex-Manager von Boris Becker) sagte, die beiden seien auf jeden Fall schon zum Durchschlafen fähig, allein schon wegen ihrer leichten genetischen Defizite. „Haha, vom Inzest gezeichnet“, gröhlte er. Haha, sehr komisch! Bei mir hat es auch nur drei Jahre gedauert, bis ich neben dem schwer schnaufenden schicksten Schatz auf meine siebeneinhalb Stunden gekommen bin. Aber daran werden sich die beiden rumänischen Früchtchen schon noch früh genug gewöhnen. Die kommen schließlich nicht zum Vergnügen her.

20051030

In Manndeckung

aus IQstyle Februar 2005

Trenchcoat oder Trainingsanzug? Wäre der Fußball noch derselbe, wenn Gordon & Martin ernsthaft ins Trainergeschäft einsteigen würden?

Gordon

Endlich: Die Rückrunde in der Fußballbundesliga ist gestartet. Mein kleiner Wonneproppen, der immer mehr Proppen und immer weniger Wonne ist, war in den zurückliegenden Wochen schon ganz hippelig. So ohne Fußball. So ohne alberne Tippspiele. Und so ohne Trikottausch.
Martin gehört ja leider zu jener Sorte Menschen, die vorm Fernseher sitzen und immer alles besser wissen. In Sachen Aufstellung, Strategie, Auswechslung und sowieso und überhaupt. Dabei ist er jeder Form von Sport so nah wie Ingolf Lück einem guten Gag. Martin ist sogar so unsportlich, dass man ihn nicht einmal als Zuschauer in ein Stadion lassen würde. Er selbst sieht das natürlich anders. Die Trainerbank – das ist in seinen Augen der einzig legitime Stadionplatz für ihn. Abgesehen von den Spielerduschen, versteht sich.
Denn in aller erster Linie ist die Liebe meines Lebens doch ein vom Trieb gesteuertes Wesen. Das gute alte „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ bekommt jeden Samstag eine ganz neue Dimension. Denn nach den 90 Minuten Gekicke geht für Martin der Spaß erst richtig los. Unruhig rutscht er dann auf seinem Sessel hin und her und wartet darauf, dass die 22 Hanseln sich ihrer Oberbekleidung entledigen. Und was gibt es für ein Geschrei und Gezeter, wenn die doofen Premiere-Kameras wieder nur Jan Koller und nicht Sebastian Kehl einfangen. Sollte ich dann noch die zarte Andeutung wagen, dass der kleine Kehl auch mal wieder grauslich gespielt hat, steigert sich das Ganze in ein derartiges Gekreische, dass einem Angst und Bange wird. Gefolgt von einem beleidigten Vortrag, dass es darauf doch nun wirklich nicht ankommt.
Man kann sich also vorstellen, was dabei herauskommt, wenn irgendein Verein tatsächlich auf die Idee käme, Martin auf die Trainerbank zu lassen: Hip frisierte Spieler in ärmellosen Trikots, die selbst gegen die Frauenmannschaft von Moldawien chancenlos wären. Denn von Fußball versteht Martin leider so gar nichts. Das beweist er nicht nur jeden Samstag vorm Fernseher, sondern tagtäglich vor der Playstation. Aber dafür hat er andere Qualitäten. Und über die erfährt der geneigte Leser mehr, sobald ich weiß welche das sind.


Martin

Dass die Ossis uns Wessis alles gleich wegnehmen, sobald sie es mal in die Finger kriegen, das habe gerade ich in den vergangenen 15 Jahren ja gelernt. Erst haben sie uns die Bananen geklaut, dann sind sie – mein kleiner Schatz vorneweg – nach der Maueröffnung dutzendfach in unsere Banken gerannt, um jeweils 100 D-Mark Begrüßungsgeld zu kassieren, und dann haben sie sich von uns auch noch alljährlich beschenken lassen.
Ich war ja so dämlich, Gordon vor zwei Jahren eine Playstation zukommen zu lassen. Und wie der geneigte Leser weiß, führen Gordon, die Playstation und ich seitdem eine hübsche Dreierbeziehung. Gordon hat mit der Konsole wesentlich mehr Verkehr hat als mit mir: Erst spielten sie lange, lange Tennis miteinander, und schließlich war irgendwann der Fußball dran.
„This Is Football 2005“, „Pro Evolution Soccer“, „Fifa Soccer 2005“ – Gordon hat alle gängigen Fußball-Games durchgespielt. Und jedes dieser Spiele hat einen Karrieremodus, bei dem man als popeliger Kreisligatrainer anfängt und sich am Ende zum Weltenherrscher hochtrainiert hat, zum Agiro Sacchi oder Ottmar Hitzfeld oder gar zu Gordons Lieblingscoach Peter Neururer. Da kann Gordon Spieler kaufen und verkaufen, schalten und walten, Weltstars auf die Ersatzbank setzen und die Vereine wechseln, wie es ihm gerade in seinen wie immer etwas gammeligen Kram passt. Er hat endlich seinen im Sozialismus geprägten Berufswunsch verwirklicht: Diktator.
Er schwingt das Fußballzepter, freut sich an grotesken Seriensiegen und zum Beispiel an einem 5:0 über Real Madrid. Klingt erstmal beeindruckend – verliert aber recht schnell an Strahlkraft, wenn man bedenkt, dass er die allermeisten dieser Resultate im nicht so richtig schwierigen Amateurmodus erzielt hat. Da kickt selbst Ronaldinho wie ein teutonischer Rumpelfußballer.
Und das wäre leider Gordons Problem, wenn er es mal in der richtigen Welt probieren müsste. Es wäre fast so wie vor 15 Jahren: In der Zone konnte man noch schön Sozialismus spielen, die Planerfüllung war eigentlich schnurzpiepe und der ganze Staat ein einziger Amateurmodus, man konnte ja nicht mehr weiter absteigen und es sich am Tabellenende schön gemütlich machen. Aber das Leben funktioniert seitdem nun mal anders. Da würde sich mein Kleiner ganz schön umgucken.
Und wen würde er da sehen? Mich, den Vereinspräsidenten, der ihm feist grinsend den Tritt gibt. Kick it!

20051020

Sonntag blutiger Sonntag

aus IQstyle Dezember 2004

Herrjemineh: U2 sagen der Welt auf ihrer neuen Platte, wie man eine Atombombe auspackt. Was bedeutet das für Gordon & Martin, ihre beiden weltgrößten Fans?

Gordon
Es ist mir gelungen, aus der Zeit meiner Pubertät zwei Vorlieben mit ins wahre Leben rüber zu retten. Die eine ist U2. Über die andere wird an dieser Stelle aus Rücksicht auf die unterschiedlichen Moralvorstellungen der geneigten Leser besser geschwiegen.
Meine erste U2-Platte war mehr oder weniger ein Versehen. Mit der guten alten D-Mark ausgestattet stand ich im Intershop und hatte keine Ahnung, wofür ich sie ausgeben sollte. Also kaufte ich mir eine Platte, deren Cover mir gefiel. Es waren die 80er und ich war jung, was als Entschuldigung ausreichen muss, dass meine Wahl auf „Rattle & Hum“ fiel.
Welche Entschuldigung Martin für sein U2-Fansein vorzuweisen hat, weiß ich nicht. Vermutlich keine. Dabei kennt er die ganzen Gründe, aus denen man U2 durchaus zutiefst verachten darf, ebenso gut wie ich. Einer der ältesten stammt aus den frühen 80ern, als der gute alte Bono – noch frisiert wie ein Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft – das ohnehin nur schwer erträgliche „Sunday Bloody Sunday“ mit folgenden Worten ankündigte: „This song is not a rebel song.“ Jo mei, mögen die Älteren unter uns damals gedacht haben. Schlimm genug, dass es nicht einmal das ist. Aber muss man das auch noch öffentlich betonen?
Mich beschützte die Mauer davor, derlei Peinlichkeiten mitzubekommen, und so hatte meine U2-Liebe etwas Ostdeutsch-Unschuldiges. Die Liebe meines Lebens hingegen hatte diesen Schutz nicht. Und trotzdem entdeckten meine Äuglein, als ich Martin kennen lernte, in seinem Plattenschrank alles, was die vier Iren je veröffentlich hatten. Das hätte mir zu denken geben müssen, aber die olle Liebe macht ja bekanntlich blind. Und so fällt es mir erst heute auf, dass der schickste Schatz der Welt ja irgendwie ein kleiner Hobby-Bono ist.
Er hat den gleichen Missionierungsdrang, den gleichen Hang zum Dramatischen und liebt große Gesten. Und wenn man ihn lassen würde, stünde er nur zu gern auf einer Bühne und würde weiße Fahnen schwenken. Nur leider kann er noch weniger singen als der abgebrochene Ire. Also ist er nur glühender Fan. Was auch gut ist, denn einen zweiten Hartmut Engler kann nun wirklich niemand gebrauchen.


Martin
Der Ruhm von U2 gründet sich, wie der Fachmann weiß, auf ihren Auftritt beim „Live Aid“-Konzert vor 20 Jahren. Durch die zwei Liedchen, die sie da spielten, wurden sie mit einem Schlag weltberühmt. Dabei fasste ihr Auftritt eigentlich nur die beiden Dinge zusammen, die U2 zur unfassbar peinlichsten Band der Weltgeschichte machen.
Erstens spielten sie damals „Sonntag blutiger Sonntag“, weil Bono wohl dachte: „Na schön, eigentlich geht es hier um die verhungernden Kinder in Afrika, aber wir haben nur diesen einen politischen Song, spielen wir halt den.“
Zweitens hatte Bono damals noch sehr volles Haar. Er hatte in diesem vollen Haar blonde Strähnen drin und trug sie vorne kürzer und hinten länger. Wie? Genau, Bono sah damals aus wie ein handelsüblicher Ossi, so wie mein Schatz heute noch rumlaufen würde, wenn das mit den Haaren bei ihm nicht so schrecklich früh zu Ende gegangen wäre. Und irgendwann deklamiert Bono die gute alte Rolling Stones-Zeile „Pleased to meet you“, wirft dabei Kopf und Oberkörper ruckartig nach vorne, sein Haar kippt ebenfalls nach vorn, zwei betonartige dicke Stränge und etwa ein Kubikmeter Haarspray stehen für Sekunden waagerecht in der Luft und lassen ihn endgültig wie eine Vogelscheuche aussehen. Unter all den Tiefpunkten der 80er war das der tiefste. Geschmacklos. Grässlich. Abstoßend. Und ein bisschen rührend.
Dann wiederum gibt es „One“, das ist ein ganz hübsches Lied. Oder „Hold Me Thrill Me Kiss Me Kill Me“, das ist ein ganz schön guter Song. „Beautiful Day“ ist irgendwie auch nicht übel. „Beautiful Day“ ist sogar großartig. Und dieser neue Song „Vertigo“, wo Bono so etwas singt wie „Hello, hello, leckere Plätzchen, Vertigo“, das ist schon verdammt gut, muss man sagen.
Und außerdem schenkten U2 uns den Moment, in dem ich meinen Gatten (und mich selbst) zum ersten Mal während unserer unglücksseligen Liasion so richtig zum Lachen brachte. Wir saßen auf einer Autorückbank, vorne lief eine U2-Cassette mit dem Song „The Unforgettable Fire“. In dem Moment, in dem Bono die Zeile „in a dry and waterless place“ sang, wagte ich einen kurzen Seitenblick auf die Behaarungsruinen auf der Schädelplatte meiner damals noch relativ frischen Beute. Darüber können wir uns heute noch beömmeln. Ohne das gäbe es diese unglücksselige Liasion vielleicht gar nicht mehr. Danke, Bono.
Und in den 80ern hatte ich U2-Platten nur, weil alle anderen sie auch hatten. Wirklich.

20051007

Der verrückte Präsident

aus IQstyle Oktober 2004

Im November wählen die Amis einen neuen Chef. Was würde passieren, wenn der Gordon oder Martin hieße?

Martin

Mein Mann verbraucht zuhause in letzter Zeit komischerweise immer mehr Raum, also planen wir wohnungstechnische Veränderungen. Wir wollen in allen uns nahe stehenden Städten (Prag, Budapest, Amsterdam, Delmenhorst) Urlaubsresidenzen anschaffen, mit Diensträumen für unsere Leibsklaven und natürlich – muss ich das erwähnen? – mit getrennten Badezimmern.
Da Gordons sozialistischer Berufswunsch immer schon Diktator gewesen ist, müssen diese Stadtschlösser vor allem über großzügige Balkone verfügen, und zwar mit Blick auf eine geräumige Grünfläche oder einen weiten Platz. Von diesem Balkon würde mein kleiner Weltenherrscher dann ungeduscht und ungefrühstückt dem Pöbel seine traditionelle Morgenansprache über Geschmacks- und sonstige Fragen halten. Das kann dann mal länger dauern – Gordons großes Idol Fidel Castro bringt es ja auf sechs Stunden und mehr, und es gibt ja auch immer viel zu erzählen.
Nicht weit von Kuba wählen die Amis Anfang November einen neuen Präsidenten. Mit ein bisschen Stimmzelgepfusche sollte es möglich sein, Gordons Wurstfinger und den Rest von ihm in dieses Amt zu bringen. Dann müsste er nicht mehr den bösen langen Tag über in dem Büro, wo man seine Anwesenheit toleriert und sie sogar bezahlt, vor einem winzigen Computer hocken und sich Lustiges aus dem Hirn wringen – allein sein daraus resultierender Gemütszustand macht ihn ja zu einer der weltgrößten Terrorgefahren. Ihn zum nächsten US-Schäffä zu machen, wäre ein enormer Beitrag zum Weltfrieden.
Gordons Kabinett? Tja, da fangen die Probleme leider an. Er wird zum Beispiel die olle Nebelkrähe PJ Harvey zur Kulturministerin ernennen. Das Außenministerium würde er seinem anderen großen Idol Kurt Russell andienen – puh. Für das Verteidigungsressort würde er Woody Allen engagieren, weil Gordon glaubt, diesem Wicht könne niemand auf der Welt jemals so böse sein wie dem fiesen Rumfeld. Ein Irrtum, denn man kann Woody Allen sehr, sehr, sehr böse sein. Ich weiß das. Für die Ernährung wäre in Gordons Kabinett Dr. Oetker zuständig, weil der so leckere Pizzen macht. Wir merken schon, lange würde das nicht gut gehen.
Leider würden die Amtsgeschäfte im Weißen Haus sowieso bald ruhen, denn Gordon ist süchtig nach einem dösigen Playstation-Spiel namens „Smash Court Tennis“, das er schon tausendmal durchgespielt und gewonnen hat. Ganze Wochenenden verbringt er damit. Wenn Osama bin Laden eines Tages mit einer Panzerhaubitze vor der Tür steht, wird Gordon ihn bestimmt hereinbitten und vorschlagen, die Angelegenheit bei einem virtuellen Schlägerschwingen zu klären. Und das wäre dann leider schon das leicht verfrühte Ende von Gordons Amtszeit.


Gordon

Prinzipiell haben die Amerikaner ja die Demokratie erfunden. Meinen sie zumindest. Dabei hat es an sich wenig mit Demokratie zu tun, dass dort jeder Depp – vom talentfreien Schauspieler bis zum notorischen Alkoholiker – Präsident werden darf. Das hat mehr damit zu tun, dass die Amerikaner mehrheitlich dazu neigen, nicht alle Lichter auf dem Christbaum zu haben. Und es ist ihnen zuzutrauen, dass sie jemanden wie den schicksten Schatz durchaus wählen würden, wenn man sie denn ließe.
Für den kleinen Despoten an meiner Seite wäre das natürlich die Fleischwerdung seiner Träume: einmal Präsident der Vereinigten Staaten sein und täglich unterm Kronleuchter von Babsi Bush dinnieren. Und ich dürfte dann als First, ähm, Dingsda Kinderheime eröffnen, Stiftungen ins Leben rufen und munter durch die Welt reisen. Eigentlich kein schlechter Job. Ich wäre natürlich eine prima First Dingsda. Und die kleinen Amis würden ihre Jackie O. schneller vergessen als Michael Jacksons letzte Platte.
Die Frage ist nur: Wäre Martin auch so ein prima Präsident? Und da kann ich mit guten Gewissen sagen: Nein, um Himmels willen und auf gar keinen Fall. In der Regel hat ja jedes Land den Präsidenten, den es verdient. Aber so übel ist Amerika nun doch nicht.
Die Liebe meines Lebens gehört nämlich zu jenem Menschenschlag, der – gibt man ihm auch nur die kleinste Andeutung von Macht – diese sofort und ohne Skrupel auszunutzen versucht. Ich muss diese, an eine grobe Menschenrechtsverletzung grenzende Erfahrung nahezu täglich machen. Nämlich immer dann, wenn ich so freimütig bin, ihm die Fernbedienung zu überlassen. Falls es sich noch nicht herumgesprochen haben sollte: Die Fernbedienung gehört zu den wichtigsten Machtinstrumenten in unserem Haushalt. Und Martin richtet damit in unschöner Regelmäßigkeit ein Massaker an. Ein Massaker am guten Geschmack.
Solch ein Tyrann, und sei er auch noch so schick, darf nie und nimmer das Sagen im mächtigsten Land der Welt haben. Er würde eine ganze Nation und damit auch die internationale Gemeinschaft an den Rand des Wahnsinns treiben. Und deshalb bin ich schweren Herzens bereit, auf die Kinderheimeröffnungen sowie das viele Rumreisen zu verzichten. Damit die Welt nicht mehr leiden muss, als sie es ohnehin schon tut.

20051004

Die kleinen Tierfreunde

aus IQstyle September 2004 – gewidmet Annette, Marie-Louise und Poldi

Hund? Katze? Schildkröte? Planen Gordon & Martin vielleicht gerade jetzt die Anschaffung eines Haus- bzw. Wohnungstiers?

Martin

Das Schlimme an Tieren ist ja, dass sie sich in aller Regel der Benutzung von ordentlichen Bedürfnisanstalten verweigern. Das Konzept des Katzenklos hat sich mir auch noch nie so recht erschlossen: Meistens steht die Box mit den ohnehin schon grotesk duftenden Kügelchen (woraus bestehen die eigentlich?) in Badezimmern gleich neben dem für Menschen gedachten Klo, sodass ich persönlich mich nach dem Sitzpinkeln gern gleich nochmal umdrehe, um in die Schüssel zu reihern. Danach tritt man dann unweigerlich auf ein paar der Urin absorbierenden Steinchen, die man sich anschließend sorgfältig aus den Fußsohlen puhlen kann, weil die doofe Katze ihre frisch hinterlassenen Exkremente gern noch ein wenig vergraben würde, was sie aber, weil sie ja doof ist, nicht hinkriegt. Lecker.
Schön ist immer auch die Entleerung der Einrichtung in einen Müllcontainer: Da schüttet man die kleinen Kackwürste und die Kügelchen in das große Teil und wird Millisekunden später von einer Staubwolke umnebelt, über deren genaue inhaltliche Zusammensetzung man gar nicht so genau Bescheid wissen möchte.
Gordons Vorgängermodell war aktiver Katzenbesitzer, und während einer längerfristigen Abwesenheit des Besitzers hatte ich die große Ehre, das neurotische Stück namens Chaos monatelang zu füttern und zu pflegen. Aus lauter Dankbarkeit erbrach sich das drollige Kätzchen täglich abwechselnd auf die Bettwäsche, den Teppich oder meine Hose. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber danach war mein Verhältnis zu Katzen nachhaltig gestört. Sagte ich gestört? Falsch, es war ganz und gar zerstört.
Gordon hatte bislang wenig Umgang mit Tieren, von seinem extrem dominanten inneren Schweinehund mal abgesehen. Um so reizender war der kürzliche Besuch bei Teilen meiner Verwandtschaft. Meine Schwester und ihre Gattin besitzen eine sehr, sehr große und sehr, sehr energische Hündin, die aber durchaus zu zärtlichen Sympathiebekundungen fähig ist. Die sehen dann so aus, dass Poldi erst den Kopf, dann die Vorderpfoten und zum Schluss gleich den ganzen Körper in den Schoß der aktuellen Bezugsperson legt. Das machte sie irgendwann auch bei Gordon. Mir schossen vor Rührung gleich die Tränen in die Augen, denn mein Mann reagierte äußerst zurückhaltend – vermutlich aus Angst, Poldi könnte ihm im nächsten Moment das Kinn abbeißen, womit er ja schon mal eins weniger gehabt hätte.
Da das mit Kindern bei uns ja rein biologisch etwas schwierig wird, haben wir gelegentlich über den Erwerb eines Haus- bzw. Wohnungstiers diskutiert. Es müsste natürlich charakterlich zu uns passen, und da kämen eigentlich nur Schildkröte oder Faultier in Frage. Oder ein Aquarium mit kleinen Nemos drin. Was zur Folge hätte, dass Gordons Neffe mitsamt Oma allwochenendlich vor unserer Tür stünde... Und die besitzt seit neuestem einen sehr, sehr kleinen und sehr, sehr energischen Hund... Der würde dann mitkommen... Oh.
Ich habe eine bessere Idee: Wir verzichten auf die kürzlich in Erwägung gezogene Anschaffung einer Putzfrau und züchten stattdessen eine Kompanie Silberfische heran. Die machen keinen Dreck, springen einen nicht an, und wenn sie lästig werden, kann man einfach auf sie drauftreten.


Gordon

Eines schönen Tages beantwortete eine der mir liebsten Freundinnen die Frage, welche berühmte Person sie denn am liebsten sei oder gewesen wäre, prompt mit den Worten: Saddam Hussein. Das war vor der Geschichte mit dem Loch. Nachdem ich mich von dem verschluckten Kaffee erholt hatte, dachte ich mir: Klar, wer würde nicht gern zum Arbeitsamt gehen und als Berufswunsch Diktator angeben. Da aber nicht für jeden kleinen Möchtegern-Diktator ausreichend Volk auf diesem Planeten existiert, weichen viele Menschen auf Vierbeiner aus und werden Hundebesitzer. Der Hund, angeblich ja der beste Freund des Menschen, lässt sich schließlich fast genauso gut herumkommandieren.
Natürlich hatte die Liebe meines Lebens auch mal einen Hund. Und der gehorchte vermutlich auch jedem seiner schwachsinnigen Befehle in Nullkommanix. Aber irgendwann musste das gute Stück leider das Zeitliche segnen und Martin tröstete sich mit der Möglichkeit, die ihm die Geschichte förmlich hinterherschmiss: mit den Ossis. Da konnte man den kleinen Hobby-Diktator ebenso gut herauskehren wie bei Hunden. Irgendwann ging das mit den Ossis für den kleinen Martin allerdings ordentlich schief. An dem Tag nämlich, als das Schicksal meinte, der schickste Schatz der Welt müsse demokratisiert werden und mich ihm in den Weg stellte. Er war sozusagen mein persönliches Deutschland der frühen 50er Jahre. Nach schwerem Kampf dachte ich vor kurzem, meine Mission erfolgreich abschließen zu können. Doch plötzlich fängt Martin wieder an, über den Besitz eines Hundes rumzufantasieren.
Schuld daran ist ein Besuch bei seiner Schwester und ihrem Hund Poldi, der Martin die Gelegenheit gab, endlich wieder einmal Stöcke durch die Gegend zu werfen und sie zurückgebracht zu bekommen. Er übte sich wieder im Brüllen von „Aus!“ und „Platz!“ und begeisterte sich selbst an seiner generösen Art, wenn er dem armen Tier ein paar Mal auf den Rücken klopfte und ihm ein „Ja, ja, braves Mädchen!“ zu Gehör brachte.
Mich schauderte. Die harte Arbeit von knapp vier Jahren war an einem Wochenende zunichte gemacht. Das Allerschlimmste allerdings war, dass ich mir selbst zwischenzeitlich in der Rolle des Befehlsgebers gefiel, als ich merkte, wie ein zaghaftes „Poldi, bitte aus!“ über meine Lippen kam. Seitdem reden wir beide von der Anschaffung eines Hundes. Der kommt uns aber nur ins Haus, wenn der alte Job der Ceausescus wirklich nicht mehr zu haben ist.

20050929

Hoch die Schnabeltassen

aus IQstyle Juli 2004

Was tun Gordon & Martin nach dem Genuss von etwas zuviel Alkohol? Vor allem: Was tut der Alkohol mit ihnen?

Martin
Vor einiger Zeit wollte ich, vernunftgeleitet wie ich bin, meine Blase vor der Heia nochmal in die dafür gemachte Schüssel entleeren. Es war schon ziemlich spät, ich hatte an dem Tag meinen Geburtstag begangen, ich war noch einigermaßen der Koordination mächtig.
Ging nur leider nicht. Die Tür war zu. „Noch irgendwelche vergessenen Gäste, die in unserem Badezimmer zwielichtige Dinge veranstalten?“ fragte ich mich, da sonst niemand in der Nähe war, den ich hätte fragen können. „Gar unser Mitbewohner, der für gewöhnlich, trotz nachgewiesener Heterosexualität, das Bad für Stunden blockiert und der, um Gordons und mein Frischmachen nicht zu behindern, sich netterweise überlegt hat, seine Waschorgie vier Stunden früher als gewöhnlich zu beginnen?“
Ich klopfte. Keine Reaktion. Ich klopfte ein zweites und ein drittes Mal. Nichts. Dann hörte ich ein Geräusch, als würde ein Mehlsack über den Boden geschleift. Irgendetwas tastete sich an der Tür hoch. Die Tür wurde im fünften Versuch entriegelt. Die Klinke wurde nach unten gerissen. Die Tür ging auf. Da stand er mit einem Stock in der Hand und rief: „Du... kannst nicht... voooorbeeeeiiii!“ So wie Gandalf im ersten Teil von „Herr der Ringe“ auf der Brücke von Khazad-Dûm. Ach, schön wär’s gewesen. Statt dessen lag dort mein Mann auf dem Bauch, guckte mich mit geröteten und wässrigen Augen an und sagte: „Chschaddsss. Mirisschchlächd. Goddsüblissmir.“
Ich habe dann nicht mehr mitbekommen, wie mein Mann, mein ganzer Stolz, der Fels in der Brandung meines Lebens, mein hoch begabter Torvorbereiter (auf der Playstation), mein mutiger Kämpfer (auch auf der Playstation) ins Bettchen wankte. Das war nämlich eine gute Stunde später. So lange lag das arme Ding auf den kalten Fliesen und reiherte sich in unregelmäßigen Abständen ein paar doppelte Wodkas, ein paar Biere, Freizeitgebäck und seine verlotterte kleine Seele aus dem Leib.
An normalen Tagen trinkt Gordon ja gern sein erweitertes Herrengedeck: Kaffee, Cola, doppelter Wodka. An Feiertagen allerdings kennt sein Alkoholkonsumzentrum keine Hemmungen: Irgendwann wird die „Absolut“-Flasche aus dem Eisfach gezerrt, und dann wird einer nach dem anderen eingeschenkt. Ich könnte mir denken: „Ach, einmal Ossi, immer Ossi, die haben ihr Leben lang nichts anderes zu trinken gekriegt außer Wodka und außerdem war ja nicht alles schlecht.“
Aber wenn der übermäßige Genuss dieses Getränks meinen armen Schatz stundenlang auf den Bereich um die Kloschüssel herum beschränkt, dann müssen wohl andere Maßnahmen ergriffen werden. Das Eisfach wird abgeschlossen. Und Gordon darf nur noch zwei Mal die Woche ran. Das kennt er schon. Früher nannte man das „Mangel-“ bzw. „Planwirtschaft“.


Gordon

Um etwas einfallslos zu beginnen: „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not“, heißt es im deutschen Liedgut, und irgendwie scheint mir das der Grund, warum ich gerade auf Partys, als deren Veranstalter mein Liebster sich verantwortlich zeichnet, besonders nachhaltig zur Flasche greife. Dabei kam es zu ein, zwei unschönen Szenen, an die mich Martin ebenso gern wie zusammenhangslos erinnert. Von solchen Ausfällen lässt sich auf seiner Seite leider nicht berichten. Was will man auch von jemandem erwarten, der auf „Bailey’s auf Eis“ schwört. Da kann kein anständiger Vollrausch bei rauskommen. Mit Martin zu trinken, erinnert mich immer eher an die gemütlichen Bridgerunden meiner Oma, bei denen die rentnerlichen Ausschweifungen im Nippen an der Eierlikörflasche gipfelten.
Trotzdem schafft er es unglaublicherweise, sich manchmal so etwas wie einen kleinen Schwips zuzulegen. Dann wird er stets ganz rührselig, betont, wie sehr er mich liebt und will seinen schweren Kopf unbedingt auf meinem Bauch legen. Vermutlich, um ihn flach zu halten. Obwohl man ihm in solchen Momenten eigentlich keinerlei logisches Denkvermögen mehr zutrauen kann. Denn irgendwie klinkt sich sein Hirn gerne vollständig aus, wenn zwei bis drei Bailey’s-Gläser geleert sind.
Die Folgen sind dann unglücklicher bis katastrophaler Natur. So begab es sich eines Abends, an welchem ich meine Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigte und Martin abends allein auf die Straße ließ. Erstaunlicherweise schaffte er es trotz der zwei, drei Bailey’s nach Hause. Sein Handy aber nicht. Das ließ der kleine Trottel irgendwo liegen und er weiß bis heute nicht wo. Ein andermal – ich hatte erneut Wichtigeres zu tun – brachte mein Schatz zwar alles wieder mit nach Hause, aber nicht alles in einem Stück. Ein kleiner Knochen in seinem Fuß war gesplittert. Seiner alkoholumnebelten Meinung nach hatten heimtückische Menschen an einer Treppe eine zusätzliche Stufe angebracht, die vorher niemals nie da gewesen war und über die er natürlich zwangsläufig stolpern musste. Das Ergebnis waren sechs Monate Gips, in denen ich die Liebe meines Lebens täglich etwas weniger lieben lernte. Denn er entwickelte sich zum bewegungsunfähigen Haustyrannen. Und mit leidenschaftlichem bis animalischem Sex inklusive akrobatischer Stellungswechsel war es auch erst einmal vorbei. Für ihn zumindest. Und alles nur wegen widerlichem Bailey’s auf Eis.

20050921

Geliebter Freund

aus IQstyle Mai 2004

Gordon & Martin haben nicht nur sich, sie haben sogar Freunde. Hier schreiben ihre besten Freundinnen über den Freund ihres besten Freundes.


KATHARINA*

Was Martin so angeschleppt hat, bevor er eines Abends mit Gordon bei uns auftauchte, das war nicht immer ein Vergnügen. Auffallend viele Ossis, was ja auf seinen gutherzigen und mildtätigen Charakter schließen lässt, wobei ihm manche dieser jungen Herren ein bisschen peinlich zu sein schienen. Nichts außergewöhnlich Schlimmes, nur habe ich mich manchmal gefragt, ob er bei der Auswahl dieser Exemplare statt mit dem Hirn mit einem ganz anderen Körperteil gedacht hat.
Es ist fast vier Jahre her, dass Martin mit Gordon bei uns vor der Wohnungstür stand. Da war das alles noch ganz frisch. Wir begründeten an dem Abend eine Tradition, die sich bis heute fortgesetzt hat: Wir spielten „Siedler von Catan“. Gordon hatte anfangs keine blasse Ahnung von dem Spiel, und die ersten Partien verlor er sang- und klanglos. Man muss vielleicht dazusagen, dass es Martin ähnlich erging. Nach ein paar Abenden am Spieltisch hatte Gordon allerdings alle Finessen des Spiels raus, und obwohl er anfangs immer rumquängelte, dass er seine ersten Siedlungen an ganz beschissenen Stellen aufbauen musste, hat er seitdem fast immer gewonnen. Was ja irgendwie auch für seinen guten Charakter spricht und dann auch wieder gegen ihn.
Früher sind Martin und ich am Wochenende immer ganz schön um die Häuser gezogen, kein Club in Berlin war vor uns sicher und wir hatten jede Menge Spaß. Das waren ganz schön wilde Zeiten. Ich weiß nicht, ob es mit Gordon zu tun hat, dass unsere Tanzabende etwas weniger geworden sind bzw. sich auf Null reduziert haben – könnte auch sein, dass es was mit einer besonderen Veränderung in meinem Leben zu tun hat, aber die verrate ich jetzt nicht.
Gordon ist ja eher der häusliche Typ, wogegen Martin aber wenig zu haben scheint. Die beiden spielen wohl an jedem zweiten Abend Playstation (wobei mein Freund gerne mal teilnimmt und dann morgens um vier nach Hause kommt) und gucken am Sonntag zusammen „Tatort“. Es scheint überhaupt wenig zu geben, was sie nicht gemeinsam tun. Sie sagen zum Beispiel beide immer „Buuuuuh!“, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich glaube, das haben sie von mir. Das spricht natürlich auch für Gordons guten Charakter, dass er das jetzt auch immer sagt.
Nicht dass ich übertrieben neugierig oder klatschsüchtig wäre, aber was mich ein bisschen stört: Man hört höchst selten davon, dass sich die beiden mal in die Wolle gekriegt hätten. Liegt vielleicht daran, dass Gordon, soviel ich sehen kann, zumindest obenrum über nicht mehr allzu viel Wolle verfügt. Das macht er wahrscheinlich extra so, damit sich die beiden nicht streiten können. Das spricht schon wieder für seinen guten Charakter.
Also, manchmal macht einem das viele Gute an Gordon fast ein bisschen Angst.


JOHANNA

Irgendwann im Sommer 2000 saß mir mein Freund und Arbeitskollege Gordon bei der Arbeit gegenüber und erzählte mir, dass er jemanden im Internet kennengelernt hatte. Da wir uns beide zu dieser Zeit in einem digitalen Kontakterausch befanden und stündlich jemanden Neues im Internet kennenlernten, nahm ich diese Information mit entsprechender Neugier zur Kenntnis.
Ziemlich bald stellte mir Gordon diesen Jemanden jedoch vor, und ich fand Martin auf Anhieb sympathisch. Besonders, weil er mir sofort seine neue Avalanches-CD auslieh. Dummerweise verlieh ich diese CD an einen Bekannten, der sie verbummelte. Dieses Missgeschick gleich am Anfang warf einen dunklen Schatten auf meine Beziehung zu Martin, insbesondere was die weitere, unbefangene Nutzung Martins grandioser CD-Sammlung betraf. Doch ich sollte noch andere Gelegenheiten haben, in den Genuss von Martins Musikgeschmack zu kommen. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir die lückenlose Rezitation sämtlicher Phil-Collins-Songs auf einem Outkast-Konzert im E-Werk in Berlin.
Während Gordon mein mitunter gnadenlos aufgepeitschtes Mitteilungsbedürfnis stets mit einer stoischen Ruhe erträgt (sein Trick: er lässt mich einfach quasseln, während sich sein Gehirn verpisst), lernte ich von Martin, dass es Momente gibt, in denen man besser den Mund hält. So zum Beispiel auf einem gemeinsam besuchten Air-Konzert, als ich ihm eine burleske Anekdote meines Lebens zum besten gab und er mich daraufhin fragte, ob ich den Film „Der Pate II“ kennen würde. Ohne meine Antwort abzuwarten, fügte er folgenden Satz hinzu: „Da gibt es eine Szene, da sagt der eine zu dem anderen: ‚Du redest zu viel.’“
Es gab jedoch auch Situationen, in denen Martin eindeutig zu viel redete. Zum Beispiel beim Trivial-Pursuit-Spielen, als er selbst die nerdigste Frage „Welche Stürmer bildeten die berühmte Flügelzange der Dortmunder Borussen?“ mit einem selbstgefälligen „Lothar Emmerich und Siggi Held“ beantwortete. Ich schätze, Gordon erträgt diesen Charakterzug von Martin, indem er einfach seinen genialen Trick anwendet (siehe oben).
Tatsächlich habe ich von Martin aber auch schon einiges gelernt, zum Beispiel wie aufreizend ein Semikolon in einem Text sein kann; auch wenn ich immer noch nicht ganz begriffen habe, wann man die Dinger eigentlich setzt.
Da ich mit Gordons Herzenswahl nach wie vor sehr zufrieden bin und Martin mir auch ganz gewogen scheint, denke ich, kann ich es mir hier und heute leisten, ein Geheimnis zu enthüllen, das mir vor ein paar Wochen beim Aufräumen unter die Finger gekommen ist: Martins Avalanches-CD.

* heißt in Wahrheit ganz anders

20050918

Schluss mit lustig

aus IQstyle April (!!) 2004

Das Drama kam aus dem Nichts – jetzt ist es offiziell: Gordon & Martin haben sich termingerecht zum 1. April getrennt. Hier nehmen sie Abschied von der Beziehung, die vielleicht die schönste ihres Lebens war.

MARTIN
Ich hatte drei Weizen, drei Erz, einen Baum, ein Schaf und einmal Steine. Mit viel Mühe hatte ich eine Straße an den einzigen Punkt auf dem Spielfeld asphaltiert, an dem noch Platz zum Bauen war. Gleich war ich am Zug, nur mein Gatte musste noch ein bisschen was bauen.
Wir reden vom hübschen Gesellschaftsspiel „Siedler von Catan“. Ein Spiel, bei dem man mit dem Florett zu Werke geht und nicht mit der Dampframme. Leider hatte ich damals noch eine Dampframme zum Freund, und Gordon spielte eine seiner doofen Fortschrittskarten aus und – zack – war mir der Weg verbaut. Drei Straßen am Stück baute der böse Ossi und noch eine Siedlung oben dran. Ich war endgültig aus dem Spiel.
So was tut man nicht. Das macht doch jeden vernünftigen Menschen zurecht stinksauer. Ich verließ den Spieltisch, marschierte auf den Balkon und ließ Gordons dort rumlungernde Zigarettenschachtel (mit nur noch drei Kippen drin!) aus dem vierten Stock durch die kalte Winterluft gen Bürgersteig segeln. Imposante Flugkurve. Gordon, kam, sah und zog von dannen. Unsere Gastgeber versuchten alles, ihn zum Bleiben zu animieren, aber meine kleine Zimtzicke war angesäuert.
Für zwei Sekunden überlegte ich, ob ich ihm mit dem Taxi hinterherfahren und zuhause um Vergebung winseln sollte. Doofe Idee, schließlich hatte er erstens mit seinen Klumpfüßen die finale Grenze überschritten, und zweitens ist doch das Wichtigste an einer Beziehung, dass man seine eigene Würde aufrecht erhält. Das steht ja so ähnlich schon in unserer Verfassung drin, deren Gültigkeitsbereich auch mein kleiner Gordon am 3. Oktober 1990 beigetreten war. Also nichts da, statt dessen sah ich eine grell blinkende Schrift vor meinen Augen. „Freiheit“ stand da geschrieben.
Geweint? Ich? Nicht doch. Das letzte Mal, dass mir Tränen der Trauer kamen, war beim Ableben meines Hundes. Mein Hund war eine äußerlich imposante Mischung aus Doberhund und Schäfermann, innerlich war das Vieh über alle Maßen dämlich und hatte außerdem unerfreuliche Verdauungsprobleme. Gepupst hat er auch dauernd.
Damit hören die Parallelen zu Gordon leider nicht auf: Auch mein geschätzter Ex-Freund konnte auf Knopfdruck einen widerwärtigen hündischen Blick aktivieren, der mir schon zwei Stunden nach unserer ersten Begegnung auf die Nerven ging. Diese Mischung aus Unterwürfigkeit und bitterer Anklage, wann immer ich Gordon seine engen charakterlichen Grenzen aufzeigte – schlimm.
„Läbbä geht weida“, hat Fußballtrainer Dragoslav Stepanovic immer gesagt. Gordons Läbbä geht bestimmt auch weida, nur wird es nie mehr so brillant sein wie in den letzten dreieinhalb Jahren. Und bevor seins wieder angenehm wird, durch meine Teilhaberschaft nämlich, muss er erstmal dem Beispiel Israels folgen: Siedlungsrückbau.


GORDON
„Niemand hat die Absicht, eine Siedlung zu errichten“, jaulte ich und baute zur Ablenkung drei Straßen, um dann in guter alter Ost-Tradition doch noch eine Siedlung hinzuknallen. Direkt vor die Fresse meines Wessi-Freundes. Gelernt ist gelernt. Er reagierte wie die kleine schwule Diva, die er nun mal ist, verließ empört den Spieltisch und tobte sich auf dem Balkon aus. Ich gab ihm ein paar Minuten, um sich mit seiner Niederlage abzufinden, und stellte dabei fest, dass ich mit einem Loser zusammen bin. Man kann mir nun vorwerfen, dass ich etwas lange brauchte, um das zu merken. Aber man kann mir nicht vorwerfen, nicht konsequent gehandelt zu haben. Ich verabschiedete mich höflich und das war’s.
Das Wichtigste am Beenden einer Beziehung ist immer, dass man der Erste ist, der diesen Schritt macht. Sonst sieht es am Ende für Unbeteiligte noch so aus, als sei man selbst verlassen worden. Es ist ja schon demütigend genug, mit einem Loser zusammen zu sein, aber von einem Loser verlassen zu werden, ist doch mehr, als man seinem Stolz zumuten sollte. Zwar war mein Schatz ein ziemlich schicker Loser – der schickste Loser weit und breit sogar – aber leider auch ein Loser, der es nicht mag zu verlieren. Eine ziemlich dumme Kombination.
Nachvollziehbarerweise fiel mir die Trennung alles andere als schwer. Endlich wieder eine Wohnung für mich allein. Schluss mit dem geduldigen Tolerieren von Martins Unzulänglichkeiten. Schluss mit dem Grusel beim wochenendlichen Frühstück, wenn Martins Nasenhaare bis zur Oberlippe hängen und einem auch das perfekteste Frühstücksei irgendwie vermiesen. Schluss mit dem Beischlafzwang, wenn man selbst keine Lust hat. Und Schluss mit der erdrückenden Enthaltsamkeit, weil der andere gerade keine Lust hat. Das Leben als Single ist doch so viel schöner. Ich kann endlich wieder jeden Woody Allen-Film sehen, der im Fernsehen läuft. Ich kann das Zimmer verlassen, ohne gleich Rechenschaft ablegen zu müssen, was ich denn jetzt schon wieder vorhabe.
Und ich kann von animalischen Sex mit 20-Jährigen träumen, die Martin nicht von vornherein platzen lässt, sondern erst der jeweilige 20-Jährige. Ach ja, .... und wenn Martin dann doch wieder eines fernen Tages, an dem man die Vergangenheit schon so verklärt hat, dass eigentlich doch alles irgendwie schön war, winselnd auf meiner Fußmatte hockt – und er wird hocken, da bin ich mir sicher – dann gilt mein erster Blick seinen Nasenlöchern. Und danach sehen wir weiter.

20050915

Help the Aged!

aus IQstyle März 2004

Machen wir uns nichts vor: Alle Menschen werden älter. Sogar Gordon & Martin. Aber wie wird das, wenn die beiden erstmal greis und tattrig sind?

GORDON
Ist man wirklich gewillt, solch ein kleines Experiment – wie die Beziehung zu Martin – konsequent bis zu Ende zu denken, darf man sich nicht scheuen, auch das Allerschlimmste in die Überlegungen mit einzubeziehen: das zusammen Altwerden. Eigentlich ist das Altwerden an sich schon derart unerfreulich, dass in einer modernen Gesellschaft, in der wir kurz vor der Bevölkerung des Mars stehen, das Ganze per Volksentscheid abgeschafft gehört. Der Gedanke aber, mit jemandem zusammen alt zu werden, ist für mich noch unerträglicher. Heißt es doch, dass Paare, die lange Zeit ihres Lebens miteinander verbracht haben, sich mit den Jahren immer ähnlicher werden.
Und, um ehrlich zu sein, ich möchte meinen Lebensabend mit niemandem verbringen, der mir auch nur ansatzweise ähnlich ist. Und es fängt auch schon an: Betrachtet man sich den nackten Martin von der Seite – eine Freude, die hoffentlich nur mir und den Nachbarn von gegenüber vergönnt ist – muss man feststellen, dass seine Bauchgegend mehr und mehr an meine erinnert. Nicht schön das. Auch frisurentechnisch werden wir uns – zugegeben, nicht ganz freiwillig – immer ähnlicher. Eine Laune der Natur, wofür man diese getrost verabscheuen darf.
Allerdings bereitet mir nicht nur die zunehmende Ähnlichkeit Sorgen. Im Alter verstärken sich ja bekanntlich auch die liebevoll als Macken verklärten Persönlichkeitsdefizite, von denen Martin das eine oder andere durch die Gegend schleppt. Ganz schlimm bestellt ist es um seine Fähigkeit, an Dinge zu denken bzw. sich irgendetwas zu merken. Und obwohl ich mir täglich aufs Neue sage, dass es schlimmer ja kaum werden kann, beschleicht mich das dumme Gefühl, dass es das sehr wohl kann. Viel schlimmer.
Und ich sehe mich schon eines schönen Tages nach Hause kommen – sagen wir so in 30 Jahren – und der gute alte schickste Schatz sitzt im Wohnzimmersessel und empfängt mich mit einem „Wer sind’n Sie?“; dabei das Kinn vorgeschoben, wie er es jetzt schon manchmal tut, wenn er seinen Vater imitiert. Das ist der Moment, ihm zu erklären, ich sei der Sänger der guten alten Iren-Combo The Divine Comedy, eben jener, den er über Jahre hinweg verehrt hat wie nichts Gutes. Und sobald der alte senile Sack das dann geschluckt hat, werde ich die Beziehung meines Lebens führen. Zusammen alt werden ist halt doch ganz schön.

MARTIN
Der Ossi an sich ist zwar komischer als der Wessi, unfreiwillig natürlich, aber er hat aufgrund jahrelanger Mangelernährung, einer mickrigen Gesundheitsvorsorge und teerhaltigerer Rauchwaren einen entscheidenden Nachteil: Er lebt nicht so lange. Ossis werden durchschnittlich drei Jahre früher in die Verbrennungskammer geschoben als Wessis. Ist man also wie ich mit einem Ossi zusammen, hat man weniger von ihm. Buh.
Bis zu Gordons beziehungsunverträglichem Früherableben ist es aber noch ein bisschen hin, und wenn nichts dazwischen kommt, dann wird der Bursche trotz Ossitums richtig alt. Das liegt an seiner gesunden Lebensweise. Gordon bewegt sich so wenig wie möglich, isst weitgehend einseitig schlecht und raucht für drei – ganz wie unser Altkanzler Helmut Schmidt, und der ist ja auch schon jenseits der 80.
Älter werdende Menschen, das weiß man von Jopi Heesters, Inge Meysel oder Daniel Küblböck, kultivieren mit zunehmenden Jahresringen ihre diversen kleinen Macken. Eine hübsche Vorstellung, wie mein kleiner Adonis in 50 Jahren nachts nackt durch die Wohnung irrt, alle Schränke aufmacht und dann beim 23. Versuch endlich, endlich sein geliebtes Nutellaglas gefunden hat. Demenzbedingt wird er dann leider nicht mehr wissen, wo im Haushalt die Löffel aufbewahrt werden, also wird er versuchen, die bräunliche Nougatcreme mit raffiniertem Zungenspiel seinem dann übermächtigen Verdauungsapparat zuzuführen. Und schon passiert das Malheur. Der nächste Nutellakunde wird aus dem Glas von Gordons oberer Gebissreihe angegrinst. „Wo hascht tu meine Tchähne verchtäckt?“ wird Gordon mich erbost fragen und ich werde sie ihm dann mitleidig lächelnd aushändigen, nachdem ich sie eine Stunde lang unter dem Wasserhahn sauber gebürstet habe.
Das Langzeitgedächtnis funktioniert bei vielen angejahrten Herrschaften ja noch tadellos. Jeden Tag also wird mich mein Gatte mehrfach mit der Tatsache konfrontieren, dass er damals im Februar 2004 alle Streckenrekorde beim Super Mario Kart gehalten hat. Er wird mir immer noch weiszumachen versuchen, dass die erste Platte der Housemartins ein Meilenstein der Popgeschichte gewesen sei. Er wird seinen iPod immer noch für den heißesten Scheiß in der Unterhaltungselektronik halten. Und er wird immer noch jeden Abend um 23.15 Uhr den seit vier Stunden laufenden Fernseher auf SAT 1 umschalten und auf Harald Schmidt warten, obwohl dessen letzte Show vor 50 Jahren zum letzten Mal lief. Ach, das wird bestimmt alles super schick.