20050921

Geliebter Freund

aus IQstyle Mai 2004

Gordon & Martin haben nicht nur sich, sie haben sogar Freunde. Hier schreiben ihre besten Freundinnen über den Freund ihres besten Freundes.


KATHARINA*

Was Martin so angeschleppt hat, bevor er eines Abends mit Gordon bei uns auftauchte, das war nicht immer ein Vergnügen. Auffallend viele Ossis, was ja auf seinen gutherzigen und mildtätigen Charakter schließen lässt, wobei ihm manche dieser jungen Herren ein bisschen peinlich zu sein schienen. Nichts außergewöhnlich Schlimmes, nur habe ich mich manchmal gefragt, ob er bei der Auswahl dieser Exemplare statt mit dem Hirn mit einem ganz anderen Körperteil gedacht hat.
Es ist fast vier Jahre her, dass Martin mit Gordon bei uns vor der Wohnungstür stand. Da war das alles noch ganz frisch. Wir begründeten an dem Abend eine Tradition, die sich bis heute fortgesetzt hat: Wir spielten „Siedler von Catan“. Gordon hatte anfangs keine blasse Ahnung von dem Spiel, und die ersten Partien verlor er sang- und klanglos. Man muss vielleicht dazusagen, dass es Martin ähnlich erging. Nach ein paar Abenden am Spieltisch hatte Gordon allerdings alle Finessen des Spiels raus, und obwohl er anfangs immer rumquängelte, dass er seine ersten Siedlungen an ganz beschissenen Stellen aufbauen musste, hat er seitdem fast immer gewonnen. Was ja irgendwie auch für seinen guten Charakter spricht und dann auch wieder gegen ihn.
Früher sind Martin und ich am Wochenende immer ganz schön um die Häuser gezogen, kein Club in Berlin war vor uns sicher und wir hatten jede Menge Spaß. Das waren ganz schön wilde Zeiten. Ich weiß nicht, ob es mit Gordon zu tun hat, dass unsere Tanzabende etwas weniger geworden sind bzw. sich auf Null reduziert haben – könnte auch sein, dass es was mit einer besonderen Veränderung in meinem Leben zu tun hat, aber die verrate ich jetzt nicht.
Gordon ist ja eher der häusliche Typ, wogegen Martin aber wenig zu haben scheint. Die beiden spielen wohl an jedem zweiten Abend Playstation (wobei mein Freund gerne mal teilnimmt und dann morgens um vier nach Hause kommt) und gucken am Sonntag zusammen „Tatort“. Es scheint überhaupt wenig zu geben, was sie nicht gemeinsam tun. Sie sagen zum Beispiel beide immer „Buuuuuh!“, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich glaube, das haben sie von mir. Das spricht natürlich auch für Gordons guten Charakter, dass er das jetzt auch immer sagt.
Nicht dass ich übertrieben neugierig oder klatschsüchtig wäre, aber was mich ein bisschen stört: Man hört höchst selten davon, dass sich die beiden mal in die Wolle gekriegt hätten. Liegt vielleicht daran, dass Gordon, soviel ich sehen kann, zumindest obenrum über nicht mehr allzu viel Wolle verfügt. Das macht er wahrscheinlich extra so, damit sich die beiden nicht streiten können. Das spricht schon wieder für seinen guten Charakter.
Also, manchmal macht einem das viele Gute an Gordon fast ein bisschen Angst.


JOHANNA

Irgendwann im Sommer 2000 saß mir mein Freund und Arbeitskollege Gordon bei der Arbeit gegenüber und erzählte mir, dass er jemanden im Internet kennengelernt hatte. Da wir uns beide zu dieser Zeit in einem digitalen Kontakterausch befanden und stündlich jemanden Neues im Internet kennenlernten, nahm ich diese Information mit entsprechender Neugier zur Kenntnis.
Ziemlich bald stellte mir Gordon diesen Jemanden jedoch vor, und ich fand Martin auf Anhieb sympathisch. Besonders, weil er mir sofort seine neue Avalanches-CD auslieh. Dummerweise verlieh ich diese CD an einen Bekannten, der sie verbummelte. Dieses Missgeschick gleich am Anfang warf einen dunklen Schatten auf meine Beziehung zu Martin, insbesondere was die weitere, unbefangene Nutzung Martins grandioser CD-Sammlung betraf. Doch ich sollte noch andere Gelegenheiten haben, in den Genuss von Martins Musikgeschmack zu kommen. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir die lückenlose Rezitation sämtlicher Phil-Collins-Songs auf einem Outkast-Konzert im E-Werk in Berlin.
Während Gordon mein mitunter gnadenlos aufgepeitschtes Mitteilungsbedürfnis stets mit einer stoischen Ruhe erträgt (sein Trick: er lässt mich einfach quasseln, während sich sein Gehirn verpisst), lernte ich von Martin, dass es Momente gibt, in denen man besser den Mund hält. So zum Beispiel auf einem gemeinsam besuchten Air-Konzert, als ich ihm eine burleske Anekdote meines Lebens zum besten gab und er mich daraufhin fragte, ob ich den Film „Der Pate II“ kennen würde. Ohne meine Antwort abzuwarten, fügte er folgenden Satz hinzu: „Da gibt es eine Szene, da sagt der eine zu dem anderen: ‚Du redest zu viel.’“
Es gab jedoch auch Situationen, in denen Martin eindeutig zu viel redete. Zum Beispiel beim Trivial-Pursuit-Spielen, als er selbst die nerdigste Frage „Welche Stürmer bildeten die berühmte Flügelzange der Dortmunder Borussen?“ mit einem selbstgefälligen „Lothar Emmerich und Siggi Held“ beantwortete. Ich schätze, Gordon erträgt diesen Charakterzug von Martin, indem er einfach seinen genialen Trick anwendet (siehe oben).
Tatsächlich habe ich von Martin aber auch schon einiges gelernt, zum Beispiel wie aufreizend ein Semikolon in einem Text sein kann; auch wenn ich immer noch nicht ganz begriffen habe, wann man die Dinger eigentlich setzt.
Da ich mit Gordons Herzenswahl nach wie vor sehr zufrieden bin und Martin mir auch ganz gewogen scheint, denke ich, kann ich es mir hier und heute leisten, ein Geheimnis zu enthüllen, das mir vor ein paar Wochen beim Aufräumen unter die Finger gekommen ist: Martins Avalanches-CD.

* heißt in Wahrheit ganz anders