20050902

Geschmackssache

aus IQstyle Juli 2003

Appetit holt man sich auswärts, gegessen wird zuhause: Gordon & Martin über den Männergeschmack des anderen.

MARTIN
Der aufmerksame und regelmäßige Genießer dieser mehr oder weniger sinnvoll aneinander gereihten Buchstaben wird darüber informiert sein, dass es sich bei Gordon um ein geschmackvolles Wesen handeln muss, andernfalls hätte er ja nicht ausgerechnet mich dazu verpflichtet, eine nach vorne bzw. (bruuhaha) hinten offene Wegstrecke seines Daseins mit ihm zurückzulegen bzw. umgekehrt bzw. oder so.
Gordon fand Justin Timberlake schon knuffig, als der noch mit albernen Trainingshosen und grauenhafter Minipli-Friese in doofen ‘Nsync-Videos herumhopste. Auf Gordons piefigem Powerbook regiert ein Justin-oben-ohne-Foto im Bildschirmhintergrund, und immer wenn Musiksender-Nachrichtensendungen eine neue feminine Eroberung von Justin vermelden, aktiviert Gordon seinen Dackelblick, kräht ein kleines „Buh!“ und ich muss ihn trösten.
Komischerweise pflegt der ja durch und durch unsportliche Gordon eine mir eher unheimliche Zuneigung zu Fußballern und anderen, die ihr Geld mit Körpereinsatz verdienen: Thomas Rosicki (der kleine Picklige von Borussia Dortmund), Andy Roddick (silberblickiger Tennisspieler), Kimi Räikkönen (rhetorisch minderbegabter Rennfahrer), Bixente Lizerazu (der winzige Außenverteidiger vom FC Bayern) – also, abgesehen von Thomas, Andy und Kimi könnte man die mir ja alle nackt auf den Bauch binden, wie man in meiner Jugendzeit so zu sagen pflegte.
An dieser Stelle würde ich jetzt nur zu gern über einzelne ausgewählte Exemplare aus der Reihe meiner Vorgänger herziehen. Dummerweise gibt es da keine, bis auf einen kleinwüchsigen Buchhändler, der sämtliche jemals erschienenen Madonna-Maxis besitzt, also auch die ganzen bösartigen Dance-Remixe, und den kann man ja allein schon aus diesem Grund nicht ernst nehmen.
Was mir aber immer noch sauer aufstößt ist Gordons Zuneigung zu dem Freund einer Freundin von mir: ein veraknetes kleines Jüngelchen mit abgewetzter Lederjacke, Nietengürtel und durchweg unsympathischer Strubbelfrisur, der nur an geraden Tagen bis Drei zählen kann und so aussieht, als würde ihm seine eigene Hipness jede Nacht grausame Schmerzen bereiten und aus dessen Visage die Worte „Fake“ und „Punk“ einen geradezu anschreien. Diese kleine Schwächephase meines Mannes ist zwar schon zweieinhalb Jahre her, aber seitdem bin ich leicht skeptisch und ständig wachsam. Sollte Gordon jemals mit dem Abdruck von Gürtelnieten auf dem Hintern im heimischen Revier erscheinen, dann kaufe ich mir auch so ein Teil, und dann kriegt er sie damit links und rechts.


GORDON
Jeder anständigen Schwuchtel, die die 30 überschritten hat, treten beim Anblick von knackigen und wohlproportionierten 20-jährigen Schweißperlen auf die Stirn. Sabber läuft aus dem Mund und das Blut aus dem Gehirn. Nicht so bei Martin. Er steht auf Heinz-Harald Frentzen, ein in die Jahre gekommener Rennfahrer, und Neil irgendwas, Sänger einer gescheiterten Rockband namens The Divine Comedy. Beide müssten mittlerweile in dem Alter sein, dass es nicht mehr lange dauert, bis man ihnen in der U-Bahn einen Platz anbietet. Anfangs machte mir das Angst und ich vermutete einen unterdrückten Vaterkomplex. Inzwischen habe ich aber gelernt damit umzugehen.
Ansonsten wird Martin bei der Formulierung seines Männergeschmacks merkwürdigerweise so wenig konkret, dass sich das Wort „wahllos“ förmlich aufdrängt. Das war auch schon bei unserer ersten Begegnung mein Verdacht, als er mir drei Stunden nach unserer Bekanntschaft neben einem Glas Leitungswasser gleich noch seinen Körper anbot. Mir wäre jemand wie ich nicht einmal einen mitleidigen Blick wert – Martin wollte gleich mit mir frühstücken. Wahllos halt.
Während ich meinen Männergeschmack ebenso konkret wie blumig in Worte fassen kann, muss man bei Martin davon ausgehen, dass er jeden irgendwie und irgendwo ... Ich gebe ihm also die Möglichkeit, seine Eifersucht in genau abgesteckte Bahnen zu lenken – er erzeugt in mir das Gefühl, dass jeder Mann, der sich noch halbwegs von selbst fortbewegen kann, potenzielle Konkurrenz ist. Er selbst tut natürlich so, als könne es nie einen anderen geben und tarnt seine Wahllosigkeit als Desinteresse. Nicht dumm das. Aber ich hab’s durchschaut.
Wenn ich dann mal klipp und klar, wie es sich für eine gute Beziehung gehört, durchblicken lasse, dass der Kellner in unserem Lieblingsfrühstückscafé namens November durchaus in der Lage wäre, meinen Appetit in eine andere Richtung zu lenken, ernte ich eine Reaktion, die einer Neuaufführung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ ziemlich nahe kommt. Vielleicht ist absolute Ehrlichkeit ja doch nicht das, was eine erfolgreiche Beziehung ausmacht.

1 Comments:

At 22:15, Blogger uteschnute said...

oh, ein neues layout! wenn ich nicht so faul wäre, würde ich meinem blog auch mal ein neues aussehn verpassen. aber mal wat anderes. wieso haust du nicht mal ordentlich raus, anstatt eure - sehr hübschen, selbstverständlich - geschichten zu posten. gegenwärtiger sarkasmus sozusagen. fehlt mir sehr. und kannst du gut. also mach mal. büüüüütteeeee!

 

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