20050905

Sommerliebe

aus IQstyle September 2003

Gordon & Martin waren im Urlaub. In Osteuropa. In Prag, Budapest, Wien und den slowakischen Bergen. Sie sind trotzdem noch zusammen.


GORDON
Viele junge und ambitionierte Beziehungen scheitern daran, dass man im gemeinsam verbrachten Urlaub fest stellt: Man kann unter keinen Umständen mit dem anderen auch nur noch einen Tag länger zusammen bleiben. Um für diesen Fall gewappnet zu sein, fuhren wir dorthin, wo Jungs ebenso billig wie Alkoholika sind – in den angrenzenden Ostblock.
Mit Martin für längere Zeit den festen Wohnsitz zu verlassen, bürgt immer die Gefahr, dass er etwas Wichtiges vergisst. Diesmal war es zum Glück nur die Zahnbürste, was dazu führte, dass er zweimal meine benutzte und wir uns dann jeder eine neue kauften.
Ansonsten hatte er alles dabei. Unter anderem auch sieben Hosen und circa 20 T-Shirts, was nach seinen Berechnungen für 14 Tage nur dann ausreichen könnte, wenn er unterwegs noch ein wenig Shoppen geht. Um es kurz zu machen: Drei weitere Hosen, drei T-Shirts und ein Paar Schuhe wurden nach Deutschland importiert.
Während ich also mit einem Fleisch gewordenen schwulen Klischee durch die Lande reiste, wartete ich auf den Moment, an dem unsere kleine Beziehung den Bach runtergeht und sah mich nach akzeptablen Ersatz um. Um es auch hier kurz zu machen: Martin war mit seinem Shoppen erfolgreicher. Und anstatt einander langsam aber unaufhaltsam auf den Geist zu gehen, kuschelten wir uns voller Glückseligkeit durch die Gegend.
Bis wir in die Berge kamen. Denn dort glaubte die Liebe meines Lebens plötzlich, den Naturburschen in sich entdecken zu müssen. Während für mich die Romantik einer idyllischen Berglandschaft darin gipfelt, sie bei einem kühlen Getränk aus der Ferne zu betrachten, musste Martin jeden einzelnen Hügel selbst erklimmen. Nicht schön das, denn ich musste mit. Völlig unzeitgemäß wanderten wir also einen Berg hinauf – mein kleiner Reinhold Messner munter vorneweg, ich etwas weniger munter hinterher. So eine Beziehung hat eben auch ihre Schattenseiten. Hätte es in den Bergen paarungswillige Jünglinge gegeben ... aber die gab’s halt nicht. Und vielleicht war das auch ganz gut so. Denn trotz Urlaubs kann ich mir immer vorstellen, den einen oder anderen Tag noch mit Martin zu verbringen.


MARTIN
Wie weise von mir, das schöne Lied „Boom Boom“ von Trio auf eine der Urlaubs-Autofahr-Unterhaltungs-CDs draufzutun. In dem Lied gibt es nämlich die feine Zeile „Rumms, da fällt der König“. Der König fiel dann tatsächlich, allerdings nicht auf dem Schachbrett, sondern eine Naturtreppe auf einem Bergpfad herunter, den ein slowakischer Robin-Hood-Verschnitt im 17. Jahrhundert gerne auf der Flucht vor der Polizei benutzte.
Das war auch mal wieder gar keine so gute Idee vom kleinen Gordon, für die erste gemeinsame Bergwanderung unseres profilierten Zusammenlebens weitgehend profilloses Schuhwerk auszusuchen. Es war keine wesentlich bessere Idee, Höhenangst zu haben und zum Schwindel zu neigen. Und eine ganz schlimme Idee war es, der Körperbewegung grundsätzlich eher zurückhaltend gegenüber zu stehen. Das Sauerstoffzelt konnten wir gerade noch vermeiden, aber für den Rest des Tages wanderte nur noch Gordons Daumen, nämlich die TV-Fernbedienung rauf und wieder runter.
Zur klassischen Urlaubsliebe war mein kleiner Schwächling doch noch fähig: Gordon war ganz hingerissen von einer magersüchtigen Thekenbesatzung eines Prager Cafés und wollte fürderhin gar nirgendwo anders mehr einkehren. „Die ist nur deswegen so freundlich, weil wir dem Schuppen jeden Tag den halben Jahresumsatz zusammen saufen“, erklärte ich dem im Sozialismus aufgewachsenen Gordon die Grundelemente freiheitlicher Ökonomie – drauf geschissen.
Gordons Paarungstrieb scheint also zumindest seinem Wandertrieb noch überlegen zu sein. Nur, ach, an Material gab es leider nur wenig geeignetes. In Budapest tanzte die augenbrauengezupfte ungarische Schwuchteljugend im leider türsteherlosen „Privatclub“ Angels mit vollem Armeinsatz zu den üblichen Vocal-House-Brutalitäten. Dafür hätte man jetzt nicht unbedingt in Urlaub fahren müssen. Wien war in dieser Hinsicht allerdings noch katastrophaler: Die einzigen erwähnenswerten Homos lagen in prächtigen Zinksärgen in der Kapuzinergruft. Über ausschließlich von solventen 60-jährigen Herren und weniger solventen, aber durchaus arbeitswilligen 18-jährigen Basecap-Trägern besiedelte Etablissements hüllen wir uns lieber in Schweigen – jeder verdient sein Geld schließlich in Dingen, die er besonders gut kann.
Mit Gordon kann man jedenfalls jederzeit bedenkenlos in Urlaub fahren, sofern die Hotelzimmer deutsches Fernsehen haben, das Ziel mit dem Auto zu erreichen ist, Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht so wichtig sind und man seine frustrierte Visage hinnimmt, weil es mit dem Shoppen mal wieder nicht geklappt hat. Ist ja auch schwierig, wenn man so eine doofe Zwischengröße hat wie mein Schatz.