In Manndeckung
aus IQstyle Februar 2005
Trenchcoat oder Trainingsanzug? Wäre der Fußball noch derselbe, wenn Gordon & Martin ernsthaft ins Trainergeschäft einsteigen würden?
Gordon
Endlich: Die Rückrunde in der Fußballbundesliga ist gestartet. Mein kleiner Wonneproppen, der immer mehr Proppen und immer weniger Wonne ist, war in den zurückliegenden Wochen schon ganz hippelig. So ohne Fußball. So ohne alberne Tippspiele. Und so ohne Trikottausch.
Martin gehört ja leider zu jener Sorte Menschen, die vorm Fernseher sitzen und immer alles besser wissen. In Sachen Aufstellung, Strategie, Auswechslung und sowieso und überhaupt. Dabei ist er jeder Form von Sport so nah wie Ingolf Lück einem guten Gag. Martin ist sogar so unsportlich, dass man ihn nicht einmal als Zuschauer in ein Stadion lassen würde. Er selbst sieht das natürlich anders. Die Trainerbank – das ist in seinen Augen der einzig legitime Stadionplatz für ihn. Abgesehen von den Spielerduschen, versteht sich.
Denn in aller erster Linie ist die Liebe meines Lebens doch ein vom Trieb gesteuertes Wesen. Das gute alte „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ bekommt jeden Samstag eine ganz neue Dimension. Denn nach den 90 Minuten Gekicke geht für Martin der Spaß erst richtig los. Unruhig rutscht er dann auf seinem Sessel hin und her und wartet darauf, dass die 22 Hanseln sich ihrer Oberbekleidung entledigen. Und was gibt es für ein Geschrei und Gezeter, wenn die doofen Premiere-Kameras wieder nur Jan Koller und nicht Sebastian Kehl einfangen. Sollte ich dann noch die zarte Andeutung wagen, dass der kleine Kehl auch mal wieder grauslich gespielt hat, steigert sich das Ganze in ein derartiges Gekreische, dass einem Angst und Bange wird. Gefolgt von einem beleidigten Vortrag, dass es darauf doch nun wirklich nicht ankommt.
Man kann sich also vorstellen, was dabei herauskommt, wenn irgendein Verein tatsächlich auf die Idee käme, Martin auf die Trainerbank zu lassen: Hip frisierte Spieler in ärmellosen Trikots, die selbst gegen die Frauenmannschaft von Moldawien chancenlos wären. Denn von Fußball versteht Martin leider so gar nichts. Das beweist er nicht nur jeden Samstag vorm Fernseher, sondern tagtäglich vor der Playstation. Aber dafür hat er andere Qualitäten. Und über die erfährt der geneigte Leser mehr, sobald ich weiß welche das sind.
Martin
Dass die Ossis uns Wessis alles gleich wegnehmen, sobald sie es mal in die Finger kriegen, das habe gerade ich in den vergangenen 15 Jahren ja gelernt. Erst haben sie uns die Bananen geklaut, dann sind sie – mein kleiner Schatz vorneweg – nach der Maueröffnung dutzendfach in unsere Banken gerannt, um jeweils 100 D-Mark Begrüßungsgeld zu kassieren, und dann haben sie sich von uns auch noch alljährlich beschenken lassen.
Ich war ja so dämlich, Gordon vor zwei Jahren eine Playstation zukommen zu lassen. Und wie der geneigte Leser weiß, führen Gordon, die Playstation und ich seitdem eine hübsche Dreierbeziehung. Gordon hat mit der Konsole wesentlich mehr Verkehr hat als mit mir: Erst spielten sie lange, lange Tennis miteinander, und schließlich war irgendwann der Fußball dran.
„This Is Football 2005“, „Pro Evolution Soccer“, „Fifa Soccer 2005“ – Gordon hat alle gängigen Fußball-Games durchgespielt. Und jedes dieser Spiele hat einen Karrieremodus, bei dem man als popeliger Kreisligatrainer anfängt und sich am Ende zum Weltenherrscher hochtrainiert hat, zum Agiro Sacchi oder Ottmar Hitzfeld oder gar zu Gordons Lieblingscoach Peter Neururer. Da kann Gordon Spieler kaufen und verkaufen, schalten und walten, Weltstars auf die Ersatzbank setzen und die Vereine wechseln, wie es ihm gerade in seinen wie immer etwas gammeligen Kram passt. Er hat endlich seinen im Sozialismus geprägten Berufswunsch verwirklicht: Diktator.
Er schwingt das Fußballzepter, freut sich an grotesken Seriensiegen und zum Beispiel an einem 5:0 über Real Madrid. Klingt erstmal beeindruckend – verliert aber recht schnell an Strahlkraft, wenn man bedenkt, dass er die allermeisten dieser Resultate im nicht so richtig schwierigen Amateurmodus erzielt hat. Da kickt selbst Ronaldinho wie ein teutonischer Rumpelfußballer.
Und das wäre leider Gordons Problem, wenn er es mal in der richtigen Welt probieren müsste. Es wäre fast so wie vor 15 Jahren: In der Zone konnte man noch schön Sozialismus spielen, die Planerfüllung war eigentlich schnurzpiepe und der ganze Staat ein einziger Amateurmodus, man konnte ja nicht mehr weiter absteigen und es sich am Tabellenende schön gemütlich machen. Aber das Leben funktioniert seitdem nun mal anders. Da würde sich mein Kleiner ganz schön umgucken.
Und wen würde er da sehen? Mich, den Vereinspräsidenten, der ihm feist grinsend den Tritt gibt. Kick it!

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